serious ! talk – Dr. Ingo Elbe: „Postmoderner Antisemitismus – Judenfeindschaft als ‚Wokeness‘“

serious ! talk – Dr. Ingo Elbe: „Postmoderner Antisemitismus – Judenfeindschaft als ‚Wokeness‘“

Wann

14.06.2022    
07:30 pm - 09:00 pm

Wo

Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben
Ludwig-Mond-Straße 127, Kassel

Veranstaltungstyp

Seit einigen Jahren wird die Frage diskutiert, ob ein „neuer“ oder „ehrbarer Antisemitismus“ (Jean Améry) nicht längst zum festen Bestandteil eines postmodernen Antirassismus geworden ist. In diesem von Michel Foucault, Edward Said oder Judith Butler inspirierten postmodernen Diskurs findet sich nämlich ein systematischer Zusammenhang von begrifflicher Einebnung und Verleugnung des Antisemitismus, Relativierung des Holocaust, De-Thematisierung vor allem der islamischen Judenfeindschaft und Ressentiment gegen Israel. Dieser akademische Diskurs beeinflusst auch den politischen Aktivismus, den Kunstbetrieb, viele Medien und zivilgesellschaftliche Institutionen.
Im Vortrag wird vor allem der genuin ‚anti-identitär‘ und pseudohumanistisch auftretende postmoderne Antisemitismus untersucht, der ein an den christlichen Judenhass erinnerndes „Jew-splitting“ (Bruno Chaouat) betreibt: Der „gute Jude“ ist neben dem toten Juden des Holocaust hier derjenige, der für Diaspora, Zerstreuung und Überschreitung der eigenen Identität durch gewaltlose Auslieferung an ‚den Anderen‘ steht. Der „böse Jude“ wird dagegen als verstockter zionistischer Nationalist und Siedlerkolonialist betrachtet, dessen Ideen souveräner Identität und Selbstverteidigung dem ewigen Frieden der postnationalen und multikulturellen Gesellschaft im Wege stehen. Juden dürfen hier nur noch existieren, wenn sie ‚konvertieren‘, ihre Identität negieren und auf Selbstverteidigung verzichten.
Dr. Ingo Elbe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Privatdozent am Institut für Philosophie der Universität Oldenburg. Zum Thema publizierte er zuletzt: Postmoderner Antisemitismus auf haGalil.com – Jüdisches Leben online sowie The Anguish of Freedom. Is Sartre’s existentialism an appropriate foundation for a theory of antisemitism? In: Antisemitism Studies/April 2020. Aktuelles Buch: Gestalten der Gegenaufklärung. Untersuchungen zu Konservatismus, politischem Existentialismus und Postmoderne. (2. Aufl. Würzburg 2021), in dem auch die Themen Antisemitismus und Holocaustrelativierung behandelt werden (daraus online zugänglich: “… it’s not systemic”. Antisemitismus im postmodernen Antirassismus. sowie Die „Verschwörung der Asche von Zion“. Anmerkungen zum postkolonialen Angriff auf die Singularität des Holocaust.
Moderation: Lasse Schauder
Mit „serious ! talk“ veranstalten das Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben und die Jüdische Gemeinde Kassel im Juni eine Vortragsreihe, die sich mit dem gegenwärtigen, postmodernen Antisemitismus beschäftigt. Zu Wort kommen renommierte Experten.
Im Hintergrund der Vortragsreihe stehen die Anfang des Jahres geäußerten Vorwürfe gegen die documenta fifteen und die kürzlich angekündigte und dann wieder abgesagte Gesprächsreihe der Kasseler Kunstschau.
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